von Webmaster

Gemeinschaftstour

Anklam/Stettiner Haff/Swinemünde/Wollin 2024

“You have no permission to cross the ferryway”

Wenn Dir das ein Mann in Uniform mit einem Megaphon vom Deck eines Bootes drei Meter über Dir zuruft, weißt Du, dass Du irgendwie oder -wo falsch abgebogen bist. Dann kannst Du Dir auch ziemlich sicher sein, dass Dir der Weg, auf dem Du bis zu dieser Begegnung gekommen bist, als Rückweg wohl nicht mehr zur Verfügung steht.

Doch wie kommt es dazu und wie geht es weiter?

Ganz einfach, eine Gruppe von Sportsfreunden/Innen um Norbert Schlösser (TPSK 1925 e.V.) entwickelt die Idee, eine „Rundfahrt“ über ein größeres Gewässer, das Stettiner Haff von Anklam nach Swinemünde und zurück zu unternehmen, und von Swinemünde könne man ja auch wunderbar ein Stück über bzw. auf die Ostsee, am Ufer der polnischen Insel Wollin, der Nachbarinsel von Usedom entlangrudern. Als (hoch-)seetaugliches Boot ist das Kirchboot des TPSK 1925 e.V., der Decke Pitter, mit 14! Ruder-, einem Steuerplatz, einem Steuer-“berater“-platz und einem „Kielschweinplatz“ das geeignete Sportgerät.

Interessenten sind nach Einladung sehr schnell gefunden. 4 Sportfreunde/innen des TPSK 1925 e.V. (natürlich Norbert, Gaby, Franz und Bodo!) drei Anklamer als Lokale (Brita, Peter und Karsten), Bernd und Ramona aus Lehnin, Klaudia aus Königs Wusterhausen, die Magdeburger Matthias (zwei t) und Kirsten, die Fürstenberger Kerstin und Mathias (ein t) sowie Simone, Wolf-Dieter und Alexander aus Dresden bilden schließlich das Team. Karsten Richter aus Frankfurt/Oder sagt zunächst zu, dann aus gesundheitlichen Gründen aber ab. Wir wissen da noch nicht, dass seine Absage endgültig ist. Karsten, das Göttliche habe Dich selig!

In der Ausschreibung gibt Norbert für die geplanten Tagesetappen immer „ca.“ Angaben an, Anklam –Ueckermünde über Mönkebude ca. 38 km, Ueckermünde über „Altwrap“ nach Swinemünde ca. 30 km, Swinemünde - Misdroy/Miedzyzdroje – Swinemünde (Ostseeturn) ebenfalls ca. 30 km, Swinemünde – Kamminke ca. 20 km und schließlich Kamminke – Anklam noch mal ca. 35 km, insgesamt also „ca.“ 178 km. Am Ende kann sich jeder 161 km in das Fahrtenbuch schreiben, wobei die tatsächlichen Etappen von geplanten Etappenwegen wegen des eingangs genannten Anlasses teilweise stark abweichen.

Montag reisen alle an und treffen sich für eine erste Lagebesprechung. Dabei gibt uns Brita auch einen kurzen Abriss über die Geschichte von Anklam. Am Dienstag geht es mit dem „Decken Pitter“ endlich aufs Wasser. Von Anklam bis zum Haff sind es noch 10 km. Das Haff zeigt sich von seiner sanftesten Seite. Es ist spiegelglatt. Das ist für das Rudern zwar wunderschön, hat aber einen Haken. Das Haff ist eine sehr große Wasserfläche und wenn es spiegelglatt ist, sieht man besondere Landmarken seeeehhhhr laaaaange. So auch die Reste der Eisenbahnhubbrücke Karnin. Nachdem wir sie passieren, sehen wir sie den ganzen Dienstag und auch noch lange am Mittwoch bis fast zur Mittagspause in „Altwrap“, Verzeihung „Altwarp“.

Von „Altwrap“ geht es direkt über das Stettiner Haff in die „Kaiserfahrt“ nach Swinemünde. Mit dem Bau der Kaiserfahrt im 19. Jahrhundert wurde die oft versandende Swine umgangen. Die Hochseeschiffe konnten somit ungehindert nach Stettin gelangen. Die Marina Swinemünde ist sehr voll, ein Liegeplatz wird aber gefunden. Hier merken wir, dass der Decke Pitter nicht nur deck, sondern auch lang ist. Unsere Lokalen, Peter und Brita haben alle Übernachtungen gebucht und in Swinemünde eine Pension aufgetan. Überraschung 1: die Pension ist frisch eröffnet; Überraschung 2: die Pensionswirtin ist darbietende Vegetarierin. Es gibt zum Abendbrot Bigos, ein typisch polnischer Eintopf, normalerweise mit Kassler, kräftiger Wurst, etc. In unserem Fall gibt es eine vegetarische Variante. Schmeckt zwar auch sehr gut, bleibt aber unerwartet. Am ersten Tag rudern wird ca. 34 km und am zweiten Tag gut 40 km.

Am Donnerstag soll es endlich auf die Ostsee gehen, durch den Kanal auf die Ostsee, ein Stück die polnische Ostseeküste entlang bis „Misdroy“/Miedzyzdroje, Mittagspause am Strand und Rückfahrt nach Swinemünde auf demselben Weg. Der Kanal von Swinemünde auf die Ostsee hieß nicht Kaiserfahrt sondern Mellin-Fahrt (Kanał Piastowski – Wikipedia). Da die Mittagspause am Strand geplant ist und man den Polen nachsagt, dass sie etwas konservativer seien, zieht man die Badesachen lieber gleich drunter, damit man beim Anlanden in der richtigen Kleidung ins Wasser springt. Also aus der Marina rausgefahren in die Mellin-Fahrt. Wir sind fast aus der Mellin-Fahrt, raus, da bemerkt uns die polnische „Border-Patrol“, schließt zu uns auf und ruft uns den denkwürdigen Satz: „You have no permission to cross the ferryway.“ zu. Nachher stellen wir fest, die Regelungen zur Durchfahrt wurden geändert. Es braucht eine Genehmigung des Hafenmeisters zur Durchfahrt und ein muskelbetriebenes Boot benötigt ein motorbetriebenes Begleitboot. Wir haben keines von Beidem. Damit ist klar, dass wir zwar noch auf die Ostsee rausfahren dürfen, die Border-Patrol wird uns aber nicht mehr auf diesem Weg zurücklassen. Da wir den „ferryway“ nicht „crossen“ dürfen, können wir auch nicht nach links auf die deutsche Ostseeküste ausweichen. Wir müssen an der polnischen Ostseeküste entlang. Die komplette Umfahrt der Insel Wollin ist zeitlich aber auch nicht zu schaffen. Also fahren wir bis kurz vor das geplante Etappenziel Misdroy und suchen einen ruhigen Strandabschnitt, wo wir anlanden können. Der wird ca. 2 km vor Misdroy gewählt. Der Schleppanker wird ausgeworfen und macht seinen Job nicht. Das Boot verschluckt sich und muss Wasser spucken. Nach dem Anlanden und Leeren des Bootes sehen wir uns am Strand um. Die Badesachen hätten wir nicht anzuziehen brauchen. FKK-Strände, es gibt sie doch in Polen, von wegen konservativ!

Nun gilt es einen Plan-B zu schmieden. Gott sei Dank ist das Boot voll bemannt (mit Steuermann, Steuerberater und Kielschwein). Es wird beschlossen den Trailer aus Anklam zu holen, das Boot aufzuladen und mit zwei Autos die Mannschaft nach Swinemünde zurückzubringen und morgen eine neue Einsatzstelle für Decken Pitter zu finden. Matias und Bernd machen sich auf den Weg. Die restliche Mannschaft verbringt den ganzen Tag (mit wenig Schatten) am polnischen FKK-Strand. Am späten Nachmittag geht es wieder aufs Wasser, um Decken Pitter zur Strandzufahrt zu rudern. Diesmal klappt die Landung problemlos, Decker Pitter verschluckt sich nicht. Die Landung ist für die vielen Badegäste ein Spektakel, wie überall wo wir mit ihm auftauchen. Er weckt überall das Interesse, egal ob in „Altwrap“, Misdroy, Kamminke oder Swinemünde.

Am Ende des Tages sind alle froh aus, endlich wieder in der Pension zu sein. Und es gibt eine Überraschung beim Abendbrot: Die Pensionswirtin ist über ihren Schatten gesprungen und hat für das Abendbrot extra Würste gekauft, gebraten und die Suppe damit „verlängert“. Das war ein Tag mit wenig rudern (ca. 15 km) und viel mehr Erlebnissen.

Für Freitag findet Norbert eine Einsatzstelle auf Wollin. In Karsibor an der Alten Swine /Stara Swina ist eine Kanuratsplatz mit einer Slipanlage in der wir Decker Pitter einsetzen. Somit kommen wir in den Genuss, die Stara Swina zu be- und errudern. Eine wunderbare Gegend. Die Stara Swina soll ein stark frequentierter Rastplatz für Zugvögel im Herbst sein. Selbst unsere Lokalen Brita, Peter und Karsten haben hier Neuwasser. Das Ziel Kamminke bleibt aber, denn wir sind in der Jugendherberge einquartiert, die vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge betrieben wird. Es ist übrigens der einzige Tag ohne Landgang zwischendurch. Ein bisschen Respekt vor der Border Control haben wir immer noch, denn auch unsere -wohl nicht bemerkte Kaiserfahrtpassage erfolgte vorgestern ohne Genehmigung. Wir pirschen uns unter Land an die Kaiserfahrt heran, queeren sie auf kurzem Weg und fahren bis Kamminke an der deutsch-polnischen Grenze. Wir rudern heute ca. 32 km.

 

Sonnabend, der letzte Rudertag, fordert uns noch einmal. Wir rudern ca. 39 km. Doch zuerst müssen wir in Kamminke ablegen. Es ist relativ starker anlandiger Wind und das Haff ist, weil flach, recht wellig. In Kenntnis der Streckenlänge ist es die ersten Kilometer im Boot sehr ruhig. Allmählich legt sich die Spannung und es wird auch wieder mehr geredet. Richtung Karnin wird das Haff immer ruhiger und am Ende wieder so glatt wie zu Fahrtbeginn. Die Mittagspause halten wir in Karnin, an der alten Hubbrücke ab. Gott sei Dank haben wir sie auf dem Rückweg nicht die ganze Zeit sehen müssen. Das letzte Stück bis Anklam rudert es sich noch einmal entspannt. Wir sehen den dritten, vierten oder fünften? Adler.

Beim zweiten Slippen haben wir bereits mehr Erfahrung, so dass das Abriggern und Verladen des Decken Pitter recht zügig vorangeht. Auf einmal ist unverhofft und auch unerwünscht der Abschied da und die Erkenntnis, dass es leider schon (viel zu früh) zu Ende ist.

Decker Pitter und das Team haben nachhaltig Spaß und Eindruck gemacht. Vielen Dank an alle Organisatoren und Helfer (statt aller, insbesondere Norbert, Bernd, Brita und Peter) und vor allem auch Christine Zornow vom Anklamer Ruderverein, die uns geholfen hat die Ansage der polnischen Border-Patrol nachzuvollziehen.

Alexander aus Dresden